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10. Kapitel Mehr Bilder Bildserien
Lebenskünstler
1938.
In den USA gelangt der preisgekrönte Film „Lebenskünstler“ von Frank Capra in die Kinos. Im nationalsozialistischen Großdeutschen Reich kommt der Film nicht mehr in den Verleih. Im Februar 1947 fotografiert Lothar Rübelt eine Plakatwand in Wien mit der Werbung für diesen Film, der nun zum ersten Mal nach Österreich kommt. Rübelt, der in den 30er Jahren einen eigenen, meisterhaften Stil in der Sportfotografie entwickelt hatte, führte nach 1945 Auftragsarbeiten als selbständiger Bildjournalist durch, wie jene für die MPEA (Motion Picture Export Association).
Yoichi Okamoto ist der Chef der Pictorial Section der United States Information Services in Österreich. Eine der wenigen künstlerischen Bildgeschichten im USIS-Archiv stammt vom Meister selbst. Einen Tag lang begleitet der Leiter der USIS-Bildsektion einen Buben und ein Mädchen zu einem Ausflug im Prater und verfasst eine höchst persönliche Geschichte, die dennoch in ihrer Dichte und Geschlossenheit nicht nur die individuelle Kunst des Autors zum Ausdruck bringt, sondern gleichzeitig den liebenswerten Blick eines Amerikaners japanischer Herkunft auf Wien und auf ein Wahrzeichen Österreichs im Oktober 1948.

WHEN I TAKE MY BEST GIRL TO THE PRATER!
Vienna – 19 October 1948
Heini Blahak, age 5 and Jutta Morbitzer, age 4, step out for a day’s adventure at the Prater.
Bright, autumn sunshine lends zest to the day’s gaiety as, hand in hand, Heini and Jutta stroll casually through the Prater discussing its exciting wonders.

WER IN DER WIENERSTADT EIN SUESSES MAEDEL HAT, DER FUEHRT SIE IN DEN PRATER …..
Der 5jaehrige Heini Blahak und die 4jaehrige Jutta Morbitzer marschieren Hand in Hand im strahlenden Herbstsonnenschein durch den Prater. Ein Tag wundervoller Abenteuer liegt vor ihnen.

In künstlerischer Hinsicht zeichnen sich Okamotos fotografische Werke durch das Spiel mit Licht und Kontrasten und die dadurch erzielte minimalistische Wirkung, die Reduktion auf das Wesentliche aus. Was aber wäre das Wesentliche in dieser Bildgeschichte?
Es ist die Formulierung und die Verbildlichung eines universellen humanistischen Gedankens: Kinder, mit ihren Wunschträumen und ihrem Glücksgefühl, das sie unvermittelt zum Ausdruck bringen, sind auf der ganzen Welt gleich. In einer Bildgeschichte, die vor dem Wiener Riesenrad beginnt und mit Schneewittchen im Prater-Wunderland endet, verdichtet der Künstler die Welt der Kleinen zu einer Bildparabel von der Welt im Kleinen.
Yoichi Okamoto, geboren in New York, Fotolehrer in der US-Army, kam 1948 nach Wien. „When I take my best girl to the Prater“ ist eine seiner ganz frühen Arbeiten in Wien. Erstaunlich, dass sie ins USIS-Bildarchiv gelangte, in dem Okamoto-Fotos nur spärlich gesät sind. Seine persönlichen fotografischen Eindrücke über die Wiener Jahre wurden Jahrzehnte später in einem eigenen Werk veröffentlicht.
War es ein Zufall? War es eine Laune? Ein Einstandsgeschenk an das Archiv?
In den Jahren von 1948 bis 1955 werden von der USIS-Bildredaktion immer wieder Bildgeschichten und Serien konzipiert, die anhand individueller Schicksale eine Botschaft transportieren. „Meet some Austrians“ nennt sich eine Serie aus dem Jahr 1951, in der unterschiedlichste Menschen, Männer und Frauen, vorgestellt werden.
Berta Reisinger ist Kindergärtnerin und liebt ihren Beruf, Jakob Bauer arbeitet bei einer führenden österreichischen Zeitung, Johann Sassmann ist der Chef einer Gruppe von 49 Kanalarbeitern, Willi Hruca wollte Mechaniker werden und ist jetzt Fensterputzer, Konrad Lust interessierte sich schon immer sehr für Maschinen und ist jetzt Eisenbahner bei den Bundesbahnen, Erich Graf und Frau Berger sind Bibliothekare in einer großen öffentlichen Bibliothek, Hans Gischka ist Maler, Eddy Münzberg ist Techniker, Sepp Wallner ist Bergbauer. Harry Hammerschlag arbeitet als Lokalredakteur beim „Wiener Kurier“, der von den Amerikanern geführten Zeitung in Österreich, und Norbert Moser ist Bauernsohn und melkt gut und gerne die Kühe.
Mit der Kamera in der Hand schaut man den Österreicherinnen und Österreichern gerne über die Schulter und verfasst kurze, pointierte biografische Skizzen, die in der Serie ein instruktives Bild über Land und Leute ergeben. Zum Zeitpunkt ihres Entstehens ist nicht klar, ob alle diese Bilder jemals das Licht der Öffentlichkeit erblicken werden. Aber darum scheint es des Bildreportern, die für das Archiv fotografieren und recherchieren, im Augenblick der Reportage noch gar nicht zu gehen: die Bilder und Texte sind das Ergebnis eines ethnografischen Blicks von außen auf Österreich und die Österreicher, bestimmt nicht nur für die Bildagenturen internationaler Medien in Europa und den USA, sondern auch für österreichische Medien (vor allem den „Wiener Kurier“) und die österreichische Bevölkerung.
Lesen wir den Einleitungstext zur Serie „Meet some Austrians“:

Die Unterschiede zwischen Völkern – Sprache, Brauchtum, nationale Ziele – überschatten oft, was sie verbindet. Trotz vieler Spannungen und Kriege auf der Welt, sind doch die Sorgen der Menschen, der Stolz auf ihre Arbeit, ihre Art, wie sie Probleme erfolgreich oder weniger erfolgreich lösen, überall auf der Welt ähnlich. Bauern kontrollieren ihr Getreide in Niederösterreich und Iowa, Knaben melken Kühe im Burgenland und in Pennsylvania und Stahlarbeiter in Detroit und Wien, Bibliothekare in Linz (Oberösterreich) und Capitol Heights (Maryland) verbindet so vieles in ihrer täglichen Arbeit, was auch große Entfernungen über Land und Meer Unterschiede in Sprache und Brauchtum nie zu zerstören vermag.

Vielleicht gibt dieser für heutige Ohren etwas pathetisch anmutende Text in seiner historischen Situierung die Antwort, oder vielmehr eine mögliche Antwort auf die Fragen zu Okamotos charmanter, kleiner Bildgeschichte.
In der Serie „Meet some Austrians“ und in vielen anderen Bildgeschichten berichten und erzählen von den Amerikanern geschulte österreichische Fotografen, amerikanische Informationsexperten und Presseoffiziere über Land und Leute; manchmal humorvoll und ironisch, manchmal nüchtern und sachlich und immer konform mit einem politischem Auftrag. Es sind Geschichten über Österreich, das Land und die Menschen und die Hilfe der Amerikaner auf dem Weg zu einer demokratischen Gesellschaft.
Aufgrund des Kontextes, in dem sie entstand, durch ihren Autor und seine künstlerische Gestaltung von Form und Inhalt gewinnt die harmlose Geschichte von Yoichi Okamoto, Leiters der USIS-Bildsektion, eine politische Aussagekraft. Noch viel mehr gilt dies für die vielen kleinen, scheinbar willkürlich aus dem Leben gegriffenen Geschichten im Bildarchiv der amerikanischen Informationsdienste in Österreich.
1945 hatte ein amerikanischer Presseoffizier die Mission und den Auftrag formuliert, der österreichischen Bevölkerung die Werte der Demokratie nach amerikanischem Vorbild zu vermitteln. Der Menschenverachtung und der Auslöschung der persönlichen Freiheit durch die nationalsozialistische Ideologie, aber auch der Negation individueller Freiheit und Selbstbestimmung des Individuums durch den Kommunismus wird die persönliche Verantwortung des Individuums als politischer Wert entgegengesetzt.
Bei aller berechtigten und möglichen Kritik an der Schärfe, mit der nach 1947 in der USIS-Bildredaktion die Auseinandersetzung mit den Sowjets geführt wurde, sollte man aber den entscheidenden Beitrag anerkennen, den die Amerikaner und die „österreichischen Amerikaner“, die von den Amerikanern ausgebildeten Reporter, zu einer Demokratisierung der österreichischen Gesellschaft nach 1945 leisteten.
Sie taten dies in Reportagen, gestrickt nach amerikanischem Muster. Sie berichteten in exemplarischen und individuellen Stories über das Leben und die Handlungen von Menschen, die ihre persönliche Geschichte selbst in die Hand nahmen oder nehmen konnten, weil eine andere Hand sie führte.
War es das, was (zumindest die amerikanischen) Verfasser der Moskauer Deklaration
gemeint hatten, als sie für die Regierungen des Vereinigten Königreiches, der Sowjetunion und der Vereinigten Staaten von Amerika im Oktober 1943 formulierten?

They declare that they wish to see reestablished a free and independant Austria, and thereby to open the way for the Austrian people themselves, to find that political and economic security which is the only basis for lasting peace.

Sie erklären, dass sie wünschen, ein freies und unabhängiges Österreich wiederhergestellt zu sehen und dadurch den Österreichern selbst die Bahn zu ebnen, auf der sie die politische und wirtschaftliche Sicherheit finden können, die die einzige Grundlage für einen dauerhaften Frieden ist.