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9. Kapitel Mehr Bilder Bildserien
Moderne Zeiten
Es sind Bilder, bei denen das punktgenaue Datum, ja nicht einmal das Jahr eine besondere Rolle zu spielen scheint, weil der Beweggrund für ihr Entstehen gar keinem besonderes Ereignis ist. Harry Weber ist ein Meister der kleinen Vorkommnisse, der Auffälligkeiten im Alltag. Harry Weber fotografiert die „weibliche Besatzung“ des Felber-Roller-Clubs. Vier Damen präsentieren stolz die neuesten Modelle. In der Hietzinger Hauptstraße gibt es eine Reifenpanne. Ein interessanter Fall für die männlichen und weiblichen Zuschauer, ein Fest für den Meister der kleinen Dinge.
Im modern eingerichteten Kaffehaus, an der Bar, im Kabarett und vor allem vor dem Radio finden der Bildreporter Lothar Rübelt und die USIS-Fotografen Motive zum Studium des p.t. Publikums der 50er-Jahre.
Es sind Bilder, wie man sie zu kennen glaubt, aus Bildern, die in den Köpfen sind. Es sind Bilder, die das Flair einer Zeit wiedergeben und neue Vorstellungen prägen. Manches sieht vertraut aus für das „typische Bild“ der 50er: diese Lampe, der Sessel und diese Frisur, Heinz Conrads, Horst Winter, Peter Alexander, Ernst Waldbrunn und Karl Farkas, Cissy Kraner und Hugo Wiener, Hilde Krahl und der junge Helmut Qualtinger.
Auch für das Genre der Feature-Fotografie hält das USIS-Archiv historische Kontextualisierungen, authentische, zeitgenössische Bildtexte und so manche Überraschung parat.
Die nette Unterhaltung mit dem Barkeeper hat die Dame auf dem Barhocker des Hotels Excelsior in Velden dem ERP-Fonds zu verdanken, wie der Bildtext unterrichtet:

Nachdem aus dem ERP-Fonds 700.000 Schilling fuer die Wiederinstandsetzung des Hotels Excelsior in Velden am Woerthersee, einer der schoensten Landschaften, zur Verfuegung gestellt worden waren, wurde im Maerz d. J. mit den Arbeiten begonnen. Schon im Mai konnten die Hauptgebaeude dem Betrieb uebergeben werden. Jetzt stehen auch die Nebengebaeude des Hotels, das sich ueber eine Flaeche von 40.000 qm ausbreitet, knapp vor ihrer voelligen Fertigstellung und nur einige Handwerker legen noch die Hand fuer den letzten Schliff an. Ein in Kaernten fuehrendes Haus mit rund 130 Betten steht damit den Gaesten wieder zur Verfuegung.

Dies mag nicht mehr besonders überraschen, ebenso wenig die kleine fotografische Pause beim „Wuerstelmann“ in Wien. Die kurze Bildgeschichte unter dem Foto soll auch internationalen Besuchern das Wiener Nachtleben schmackhaft machen.
Besonders tiefgründige Einblicke in die Welt der 50er-Jahre liefern Bild und Text zur Ausstellungseröffnung „Milch für jeden Geschmack“ am 10. Juni 1954, für die dankenswerterweise die österreichische Milchpropagandagesellschaft verantwortlich zeichnet:

Ein netter Flirt bei einem Glaserl Milch ist der letzte Schrei, seitdem die oesterreichische Milchpropagandagesellschaft ihre Grossaktion zur Hebung des Milchkonsums begonnen hat. Eine Ausstellung „Milch fuer jeden Geschmack“ wurde gestern Vormittag in den Raeumen der Staatsdruckerei in der Wollzeile unter den Klaengen des Milchschlagers „Noch ein Glas Milch, denn ich will laenger leben...“ eroeffnet. Die Ausstellung ist an Wochentagen von 8 bis 19 Uhr, an Sonn- und Feiertagen von 9 bis 17 Uhr frei zugaenglich.

Der Bericht über die Eröffnung der Designausstellung „Gute Form für alle“ des Österreichischen Werkbundes an der Wiener Akademie der Bildenden Künste am 28. März 1953 nimmt sich dagegen mit Hinweis auf die amerikanische Beteiligung schon etwas seriöser aus.

Heutzutage versucht man, allen Dingen eine schöne Form zu geben und die Industrie arbeitet bereits mit Designs von Österreichs modernsten Designern wie Auboeck, Jirasek, Niedermoser, Schwanzer, Rainer u.a. Besonders interessant ist die Möglichkeit, das Design von modernen Geräten aus Österreich und Amerika miteinander zu vergleichen. Dr. E. Wilder Spaulding, Leiter der Abteilung für kulturelle Angelegenheiten der Amerikanischen Botschaft Wien sagte während seiner Eröffnungsrede, dass die Amerikanische Botschaft in Wien stolz sei, eine Ausstellung amerikanischen Designs im Vergleich mit österreichischem Design in so großem Umfang präsentieren zu können. Dies werde dazu beitragen, die Europäer davon zu überzeugen, dass die Amerikaner von heute das Kunsthandwerk und Fachkönnen ihrer Vorväter nicht vergessen haben – Fähigkeiten, die diese von ihrer alten Heimat Europa mitgebracht haben.

Der USIS-Bildreporter Riedmann war auf Themen der Kunst, der Mode und der „Damenwelt“ spezialisiert. Er zeichnet auch verantwortlich für den schönen Beitrag „Von ‚Turteltaubenblond bis Spanisch-Schwarz’“, der den Bericht über ein Preisfrisieren, veranstaltet von der Wiener Friseursinnung anlässlich ihres 275-jährigen Bestehens am 19. Oktober 1953, zum Inhalt hat.
Ein paar Tage später fand er allerdings Zeit, um anlässlich der Sondersitzung des Nationalrates zum 10. Jahrestag der Moskauer Deklaration in die Kakao-, Schokoladen- und Zuckerwarenfabrik Küfferle zu fahren und die Belegschaft zu fotografieren, die der Ansprache des Präsidenten des Österreichischen Gewerkschaftsbundes, NR Böhm, aufmerksam lauscht.

Der Oesterreichische Nationalrat trat heute Vormittag zu einer Sondersitzung zusammen, die dem Gedenken an die Unterzeichung der Moskauer Deklaration gewidmet ist. Aus diesem Anlass ruhte heute auf Weisung des OeGB in saemtlichen oesterreichischen Betrieben von 9.00 bis 9.05 Uhr die Arbeit. In der Kakao-, Schokoladen- und Zuckerwarenfabrik Kuefferle sitzt die ganze Belegschaft vor dem Lautsprecher und lauscht der Ansprache des Praesidenten des Oesterreichischen Gewerkschaftsbundes, NR Boehm.
Foto: Staff Vienna (Riedmann)
30. Oktober 1953

Die Anfänge des Fernsehens in Österreich werden 1954 mit leichtem Befremden registriert. Im Kaufhaus Gerngross in der Mariahilferstraße in Wien wird im Februar 1954 ein „Studio“ eingerichtet:

Zum ersten Mal haben die Wiener jetzt Gelegenheit zu sehen, wie Fernsehen in der Praxis vor sich geht. In den Raeumen des Kaufhauses Gerngross wurde gestern ein Studio eroeffnet, das bis zum 19. Maerz, taeglich zwischen 11 Uhr und 12 Uhr sowie zwischen 14.30 Uhr und 17.30 Uhr (an Samstagen nur zwischen 10.30 bis 12.30 Uhr) frei zugaenglich sein wird. Eigentlich ist das Fernsehen noch ein Nachsehen, denn die Bildschirme stehen nur wenige Meter von der kleinen Buehne entfernt, auf der die Fernsehkamera kuenstlerische Darbietungen aufnimmt. Die Besucher der Fernsehschau koennen daher gleichzeitig die Arbeit der Kuenstler und des aeusserst geschickten weiblichen Kamera-„Mannes“ sowie das Endergebnis des Ganzen auf den Bildschirmen betrachten.

Dennoch bliebt das Radio als Nachrichtenmedium noch bis in die späten 50er Jahre das dominierende audiovisuelles Medium für die österreichische Bevölkerung und wurde demzufolge von den politischen Stellen als weitaus bedeutsamer eingeschätzt. Die Amerikaner nützten die Gelegenheit zu Ausstellungen, um die Arbeit ihres 1945 in Salzburg gegründeten Senders ‚Rot-Weiß-Rot’ zu präsentieren und zu bewerben. Die publikumswirksamen Veranstaltungen des Senders wurden ebenfalls fotografisch dokumentiert und ein eigener Bestand ‚Rot-Weiß-Rot’ im USIS-Archiv geführt.
Im Gegensatz zu den Amerikanern, die mit der Sendergruppe ‚Rot-Weiß-Rot’ Studios in Salzburg, Linz und Wien hatten, wollte die sowjetische Besatzungsmacht keinen eigenen deutschsprachigen Sender in Österreich betreiben, sondern nützte die Sendeanlagen der RAVAG, die bereits am 29. April 1945 mit Hilfe der Sowjets wieder ein tägliches Programm gestartet hatte. Die Sendungen der RAVAG unterstanden der sowjetischen Zensur und seit Ende Juni 1945 gab es allwöchentlich „Die Russische Stunde“ im Radio, in der über russische Literatur und Musik, „jedoch unter besonderer Betonung der nationalen Kulturleistungen des sowjetischen Volkes“ (Rathkolb: 1981: 534) berichtet wurde. Die verstärkte Politisierung der RAVAG erfolgte seit 1947. Von den Entscheidungsträgern der US-Informationsdienste in Österreich wurde „Die Russische Stunde“ als eines der wesentlichen Gegenargumente beim Departement of State in Washington angeführt, um die von der österreichischen Regierung seit 1950 angestrebte Rückgabe der Sendergruppe ‚Rot-Weiß-Rot’ durch die amerikanische Besatzungsmacht zu verhindern. Die Vertreter einer harten Linie in der Informationspolitik der Amerikaner in Österreich setzten sich durch, denn Mitte April hatte sich General Keyes entschlossen, die Sendegruppe auch nicht teilweise an die österreichische Bundesregierung zu übergeben und die Sendeanlagen von ‚Rot-Weiß-Rot’ sogar beträchtlich zu verbessern, um von Wien aus bis in die Sowjetunion und in den Balkan technisch einwandfreie Programme ausstrahlen zu können.
Vor diesem politischen Hintergrund erhält ein USIS-Negativ, von dem im Kapitel „Das geteilte Land“ bereits die Rede war, eine ganz besondere Bedeutung. In der von „George Smith“ 1952 redigierten Serie „Die Sowjetunion und der Frieden“ gibt es eine Fotokarte, auf der man einen älteren Mann und eine Frau in ihrer Wohnung vor einem Radioapparat sitzen und aufmerksam zuhören sieht. Ein wunderbares Foto, das auch, da es, fein säuberlich katalogisiert und im Bildarchiv der österreichischen Nationalbibliothek jederzeit auffindbar, immer wieder als besonders eindrucksvolles Beispiel für die Bedeutung des Radios im Österreich der Nachkriegszeit publiziert worden ist.
Lesen wir nun den Text dazu und machen uns dann ein eigenes, ein neues Bild:

Vaeterchen Stalins Maerchenstunde
Auch den Rundfunk haben die Sowjets in ihren Dienst gestellt. Die Sendungen „Oesterreich hoert Radio Moskau“ und die „Russische Stunde“ werden taeglich einge Male uebertragen und sind in ihrer Art nicht mehr zu ueberbieten. Der Volksmund nennt sie „Vaeterchen Stalins Maerchenstunde“ und duerfte damit kaum unrecht haben.