Home
 
 
 
 
 
 
   
7. Kapitel Mehr Bilder Bildserien
Getrennte Welten
Harmlose und billige Vernügungen im Freibad, , auf der Festwiese oder in den Kinos, die amerikanische Filme und Wochenschauen spielen, zählen zu typischen Alltagssituationen der frühen 50er-Jahre. Diese öffentliche Räume sind die Schauplätze der Kommunikation und des sozialen Austauschs für Jugendliche, Kinder, Frauen und Männer. Im Übrigen aber vermitteln die Bilder und Szenen vom Alltagsleben in Österreich zwischen 1945 und 1955 den Eindruck völlig getrennter Welten von Frauen, Männern und Kindern.
Auf den Bildern Otto Croys aus den Jahren 1945 und 1946 sieht man die „Frauen der ersten Stunde“, Frauen, die auf den Straßen schwere körperliche Arbeit, „Männerarbeit“, leisten und mit Selbstverständlichkeit durch ihre Arbeitsleistung im privaten und im öffentlichen Raum entscheidend zum Wiederaufbau beitragen. Aus den ersten Bildserien der Amerikaner und ihrer textlichen Dokumentation geht hervor, dass die systematischen Beseitigungen von Bombenschutt kurzfristige und gut organisierte und von gesetzlichen Maßnahmen begleitete Aktionen waren. So war die Zuweisung von Lebensmittel- und Bekleidungsscheinen an den Nachweis von Arbeitsleistungen gekoppelt und wurde die „Durchführung von Notstandsarbeiten“ in Wien im August 1945 und die „Sicherstellung der für den Wiederaufbau erforderlichen Arbeitskräfte“ im Februar 1946 für ganz Österreich jeweils durch Gesetze geregelt, die auf die Arbeitsleistungen von Männern und Frauen gleichermaßen abzielten.
Bemerkenswert ist allerdings die ausführliche Bilddokumentation von Frauenarbeit in den von den Amerikanern unterstützten Firmen und Betrieben, die für die Wiederinstandsetzung der Infrastruktur und die Herstellung von Bedarfsartikeln für den täglichen Bedarf sorgten.
Mit der „Normalisierung“ der ökonomischen Situation und des sozialen Lebens einher geht in den frühen 50er Jahren die Festlegung klassischer Rollenbilder. „Im Reich der Frau“, „Modeschau für ‚starke Damen’“ oder „Schlank und gesund durch die ‚Verjüngungstonne’“ sind Titel, die auch in Bildberichten der Austria Wochenschau aus den 50-er Jahren nicht unbeliebt waren und die das öffentliche Bild der Frau prägten.
In den Bildberichten der USIS-Redakteure wird das Augenmerk auf eine didaktische Komponente und die Modernisierung und die Förderung des Wohlstands gelegt, die durch die amerikanische Wirtschaftshilfe ermöglicht wurde.
So lautet der Bericht über eine Schulausstellung im Messepalast:

Schule – wie sie sein sollte.
In der Ausstellung „Unsere Schule“ werden derzeit im Messepalast Prinzipien, Methoden und Behelfe der modernen Pädagogik in einer eindrucksvollen Schau vorgefuehrt, die auch vom Gesichtspunkt zeitgemaessen Ausstellungswesens Wien zur Ehre gereicht. Der aeltere Besucher wird etwas wehmuetig gestimmt, wenn er sieht, was er alles vor Jahrzehnten in seiner Schule entbehren musste. Noch wehmuetiger ist allerdings vielen Eltern schulpflichtiger Kinder zumute, denen hier erst voellig klar wird, wie rueckständig die Schulverhaeltnisse in Oesterreich teilweise noch sind. Trotz allem, seien wir dankbar fuer diese Ausstellung, die uns wenigstens einmal vor Augen fuehrt, in welchen Schulverhaeltnissen alle Kinder in Oesterreich aufwachsen mussten und – so wollen wir es wenigstens hoffen – auch einmal aufwachsen werden. In unserer Bilderfolge geben wir einige fuer die moderne Arbeitsschule charakteristische Einzelheiten wieder.
Die vierte Klasse einer Maedchen-Hauptschule zeigt, dass man in der modernen Schule grossen Wert auf’s Kochen legt.

Um eine Hilfsaktion mittels das Anlegen von 260 Mustergärten in Österreich gefördert wurde zu bewerben, besucht man die eine Familie in Oberlaubichl in Salzburg und fotografiert zwei Frauen beim Einlagern von eingekochtem Obst und Gemüse.

Lernen durch Tun
Mehr Gemuese und Obst das ganze Jahr hindurch zur Verbesserung der Ernaehrung im Bauernhaus: Aus diesem Gedankengang heraus wurden mit Unterstuetzung der U.S. Wirtschaftsmission und des Bundesministeriums fuer Land- und Forstwirtschaft 260 Musterhausgaerten auf Bauernbetrieben in allen Bundeslaendern angelegt. Beraten durch die Fachkraefte der Landwirtschaftskammern haben Baeuerinnen und hauptsaechlich die Mitglieder der weiblichen Landjugend an diesem Programm teilgenommen. In den 300qm grossen Gaerten werden Gartenbegehungen mit Baeuerinnen und Bauernmaedchen der Umgebung und praktische Vorfuehrungen der richtigen Fruchtfolge, der Anwendung arbeitssparender Gartengeraete, der Schaedlingsbekaempfung und Pflege- und Erntearbeit durchgefuehrt. Ausserdem finden Gemuesekochkurse und Einkochkurse statt. Im Rahmen des Programmes wurden Saatgut, Pflanzen, Duenge- und Schaedlingsbekaempfungmittel, Garten- und Einkochgeraete und Tafeln fuer die Gaerten zur Verfuegung gestellt. Auf dem Hof der Familie Rieder, Oberlaubichl, Pfarrwerfen, Land Salzburg, beteiligt sich die oertliche Landjugend-Maedchengruppe rege an der Arbeit im Garten. Einmal, woechentlich kommen 3 bis 4 der 33 Mitglieder abwechselnd zur Arbeit in den Garten und verwirklichen so das Motto der Landjugend „Lernen durch Tun“.

Werfen wir im Gegenzug einen Blick auf die Männerwelt.
Zwei Szenen: Otto Croy fotografiert in der frühen Nachkriegszeit 1945/1946 vereinzelte Arbeiter auf den Straßen Wiens. Wir sehen einen Plakatierer der Firma Gewista bei der Arbeit. Im Bildvordergrund liegt der noch nicht geräumte Bauschutt von kriegsbeschädigten Häusern. Harry Weber zeigt 1952 den Arbeitsschluss in den Steyr-Werken. Eilig und mit weit ausholenden Schritten verlassen die Arbeiter die Fabrik. Am Rand steht ein Mädchen mit einer Schultasche am Rücken und sucht mit angespanntem Blick wohl ihren Vater.
Es sind Zeitdokumente, in denen sich Nachkriegssituationen zu symbolischen Bildern verdichten: die sichtbaren visuellen Spuren des Krieges, die Wiederaufnahme der Arbeit und des Arbeitslebens nach 1945, die Dynamik des Wiederaufbaus und des wirtschaftlichen Aufschwungs in den frühen 50-er Jahren.
Auch die Bildberichte der USIS-Redaktion liefern genügend Stoff zu diesem Thema. Ein Bericht über die Fernmeldemonteurschule der Post- und Telegraphenverwaltung vom Dezember 1954 lautet:

Postlehrling zu werden ist gar nicht so einfach. Von 500 bis 800 Buben, die sich jaehrlich fuer diese Lehrstellen melden, kann nur ein Zehntel oder noch weniger aufgenommen werden. Nur solche, die bei der Eignungspruefung die besten Leistungen aufzuweisen haben, werden Postlehrlinge. Damit haben die Vierzehnjaehrigen allerdings ihre Staatsanstellung mit Pension so gut wie in der Tasche. Eine Woche nach der Freisprechungsfeier bekommen die ausgelernten Fernmeldemonteure ihre Anstellungspatente bei der oesterreichischen Post. Das klingt ganz einfach, aber bis dahin muessen die jungen Maenner viel lernen. Vom Tischlern, Zimmern, Mauerverputzen, Lichtleitungen- und Kabellegen bis zur komplizierten Anlage einer vollautomatischen Telephonzentrale, muss der Fernmeldemonteurlehrling alles verstehen und beherrschen. Unser Bildbericht aus der Wiener Fernmeldemonteurschule zeigt einen Teil der Ausbildung.
Schon frueh erfahren die Fernmeldelehrlinge, das ihr kuenftiger Beruf auch Schwerarbeit verlangt. Das Aufstellen und Erklettern von Telephonmasten erfordert Kraft und Geschicklichkeit.

Während jedoch das Frauenthema direkt angesprochen und in eigenen Beiträgen gestaltet wird, geht die männliche Arbeitswelt ganz in der Darstellung auf, ohne eigens thematisiert zu werden:

Seilzug der Streckenelektrifizierung Amstetten – Wien durch den Rekawinkler Tunnel
Foto: USIS Staff Vienna. (Maier) 6.11.1952.
Im Zuge der Elektrifizierung der letzten Etappe der Westbahnstrecke zwischen Amstetten und Wien wurde heute der Seilzug durch den Rekawinkler Tunnel gefuehrt. Sowohl Uebertragungs- als auch Fahrdrahtleitung werden bis Ende Dezember verkehrsfertig sein. Voller Fahrbetrieb wird jedoch erst gegen Ende 1953 moeglich sein.
Vom Plateau des Turmwagens aus pruefen die Monteure die Abfederung des neuzuverlegenden Fahrdrahtes. Jeder Traegermast ist doppelt isoliert (links). Im Hintergrund die Rekawinkler Einfahrt in den fast 100jaehrigen Tunnel.

In ihrer eigenen Welt leben die Kinder, auch wenn sie unter ganz besonderer Beobachtung der Eltern, der Erzieher, der Ärzte und der Fotografen stehen. Otto Croy fotografiert private Situationen und Straßenszenen mit der Rückkehr von Kindern aus der Schweiz 1945. Lothar Rübelt fotografiert die Aktionen der Schweizerhilfe und die Dänenhilfe 1946. Im Prater geht wieder das Ringelspiel. In einem ungeheizten Raum macht ein Bub in seinen Mantel gehüllt, seine Schulaufgaben. Ein unterernährtes Mädchen wird untersucht und blickt zur Krankenschwester auf. Aus dem Rucksack eines der gerade zurückgekehrten Mädchen schaut eine Puppe und blickt dem Betrachter/der Betrachterin ins Auge.