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6. Kapitel Mehr Bilder Bildserien
Identitäten
Die letzten Tage und Stunden vor Unterzeichnung des Staatsvertrags verdichten sich in den Fotografien der österreichischen Starfotografen Harry Weber und Ernst Lessing zu Augenblicken freudiger und gespannter Erwartung.
13. Mai. Harry Weber fotografiert in einem Extraraum am amerikanischen Militärflughafen auf dem Tullnerfeld Staatssekretär Kreisky, Botschafter Thompson und Außenminister Figl, die in Begleitung bei Tee und Zigaretten auf die Ankunft des amerikanischen Außenministers John Foster Dulles warten. Um 12 Uhr 40 trifft Dulles mit dem Sonderflugzeug Präsident Eisenhowers von Paris aus kommend ein. Von amerikanischer Seite sind neben Botschafter Thompson u.a. der Stadtkommandant der amerikanischen Besatzungsstreitkräfte in Wien Richard H. Davis, der Österreichexperte im amerikanischen Außenministerium Richard B. Freund und auch der stellvertretende Direktor des US-Informationsdienstes für Westeuropa Walter Roberts zugegen.
Die Ankunft und die Begrüßung durch Außenminister Figl wird von zahlreichen Foto-, Wochenschau- und Radioreportern aufgenommen. Im Botschaftsauto fährt Dulles anschließend durch beflaggte Ortschaften der Donau entlang nach Wien. Vor der amerikanischen Botschaft hält der Wagen. Die USIS-Bildreporter fotografieren einen Buben in kurzer Hose, der vor dem Wagen stehend seine Kamera für eine Aufnahme vorbereitet.
Für den amerikanischen Außenminister, der zum ersten Mal nach Wien kommt, sind an diesem Tag keine offiziellen Termine vorgesehen. Anders für die Österreicher. Bereits am frühen Nachmittag ist die Ankunft des britischen Außenministers Sir Harold McMillan vorgesehen, und Figl und Kreisky eilen nach Schwechat zur Begrüßung. Am Abend, um 18.35 landet schließlich der französische Außenminister Antoine Pinay ebenfalls in Schwechat und wird von den Österreichern begrüßt. Damit sind die „Westmächte“ komplett, wie die „Wiener Zeitung“ am 14. Mai berichtet:

Nur mehr einen Tag trennt das österreichische Volk von der Unterzeichnung des Staatsvertrages, die um die Mittagstunde des Sonntags im Marmorsaal des Belvederes durch die Außenminister der vier Großmächte und Außenminister Dr. h.c. Ing. Figl vorgenommen wird. Gestern trafen bereits die Außenminister der Westmächte auf dem Luftwege in Wien ein, heute vormittag wird der sowjetrussische Außenminister Molotow erwartet.
Die zuständigen Stellen in Österreich haben in fieberhafter Eile die letzten Vorbereitungen getroffen, um den historischen Tag der Vertragsunterzeichnung einen entsprechenden Rahmen zu verleihen.
Wie das Bundeskanzleramt bekanntgibt, wurde nunmehr der genaue Zeitpunkt für den feierlichen Staatsakt der Unterzeichnung des Staatsvertrages am Sonntag mit 11 Uhr 30 festgesetzt.

14. Mai. Alles wartet auf Molotow. Harry Weber konzentriert sich auf das Wesentliche und fotografiert am sowjetischen Flughafen in Vöslau sowjetische Offiziere beim Schachspielen. Um 14 Uhr 30 trifft Molotow ein und wird von Außenminister Figl, Staatssekretär Kreisky und dem sowjetischen Botschafter Iljitschow begrüßt.
In Wien streifen die USIS-Bildreporter durch die Straßen in der sowjetischen Zone und fotografieren zum letzen Mal die USIA-Betriebe. „Hoch der Staatsvertrag“ steht auf einem Transparent über dem Eingangstor der Maschinenfabrik Schäfler und Budenberg und darüber groß und mächtig der Sowjetstern.

15. Mai. Wenn es soweit ist.
Am 24. März 1952 stehen eine Frau, ein Kind und ein Mann mit Hut und Gamsbart im Linzer Landesmuseum vor einem Monument und einem identitätsbildenden Symbol Österreichs und seiner Geschichte. Fünf Schilling pro Person hat der Eintritt gekostet. Das Geld wird in die Finanzierung für den Transport der „Königin von Österreich“ von Linz nach Wien einfließen, der am 25. und 26. April stattfinden wird. „Queen of Austria“, so nennen die Amerikaner in ihrer Bildgeschichte die „Pummerin“ und sie dokumentieren den ganzen 183 Kilometer langen Weg nach Wien, die Fahrt auf den Straßen, die Stationen in den Städten und die Anteilnahme der Bevölkerung bis zur Ankunft in Wien und den Weg von Schönbrunn über die Mariahilferstraße bis zum Stephansplatz. Der von den USIS-Fotografen bildlich dokumentierte Weg der „Pummerin“ von Linz nach Wien ist und ganz konkretes materielles Zeugnis für die Bedeutung von Zeichen und Symbolen in der Identitätsbildung von Nationen. Die Wiedereröffnung des Burgtheaters am 15. Oktober und der Staatsoper am 5. November 1955 bildet den Abschluss der für die Ausbildung der österreichischen Identität so entscheidenden symbolischen Akte im Jahr 1955.
Das entscheidende Ereignis und den Höhepunkt bildet selbstverständlich die Unterzeichung des Staatsvertrags im Belvedere am 15. Mai 1955.

Staatsvertrag unterzeichnet!
Historisches Ereignis im Wiener Belvedere.
Die vier Außenminister der Großmächte, Pinay (Frankreich), MacMillan (Großbritannien), Molotow (UdSSR) und Dulles (Vereinigte Staaten), sowie Außenminister Dr. h. c. Ing. Figl setzten ihre Namen unter das Dokument.
Der authentische Wortlaut des Staatsvertrages im Inneren des Blattes.
Österreich nach siebzehn Jahren endlich frei.

So lautet der bemerkenswerte Text in der Extra-Ausgabe der „Wiener Zeitung“ vom 15. Mai 1955, der gleichzeitig eine historische Interpretation des darunter abgebildeten Fotos mit dem „denkwürdigen Augenblick“ bedeutet: es sind siebzehn und nicht 10 Jahre, an die erinnert wird, wenn es heißt „endlich frei“.

Erich Lessings eindrucksvolle Szenen mit der jubelnden Menge im Garten des Belvedere sind gegenwärtige und historische Dokumente zugleich. Gegenwärtig sind sie zunächst in ganz konkreten Sinn, da sie in Form einer Wanderausstellung im Jahr 2005 durch die österreichischen Bundesländer reisen, gegenwärtig sind sie aber auch durch ihre Präsenz in den Köpfen der Menschen, weil sich in ihnen ein mentales Bild materialisiert: „die jubelnde Menge vor dem Belvedere“. Historische Dokumente sind sie, weil ein Künstler als Zeitzeuge und in seiner eigenen Bildsprache die aktive Beteilung der Bevölkerung an diesem Ereignis und an diesem identitätsbildenden Akt festgehalten hat.
Bilder prägen das Bewusstsein und die historische Erinnerung. Letztendlich ist es aber doch die Sprache und das Zur-Sprache-Bringen, die für eine kontextuelle Einbindung und für eine rationale Interpretation der Geschichtsbilder sorgen muss.
In der großen Bildserie der USIS-Fotografen über den Staatsvertrag zeigen sich einmal mehr die Vorteile einer redaktionell gestalteten Serie, in der sich der Ablauf und die Schauplätze eines ganzen Tages zu einer Bilderzählung verdichten.
Nur auf den ersten Blick bestimmt die Chronologie den Ablauf. Denn dramaturgische Elemente werden bewusst gesetzt: ein Blick auf die wartende Menge morgens am Eingang zum Schloss Belvedere, die durch das Gittertor einen Blick auf die ankommenden Außenminister zu erhaschen versucht, die Autos mit den Diplomaten, die auf dem Weg zum Belvedere an jubelnden Menschen vorbeifahren, die Begrüßung des amerikanischen Außenministers Dulles durch Bundeskanzler Raab und Vizekanzler Schärf, der Akt der Unterzeichnung und die Präsentation einer Seite des Staatsvertrags mit den sowjetischen und britischen Unterschriften und Siegel sind einprägsame Momentaufnahmen. Bilder mit den Außenministern am Balkon und der jubelnden Menge, die Abfahrt der Diplomatenwägen durch die Prinz-Eugen-Straße durch ein Spalier von Menschen und die Ansammlungen auf den Straßen und Plätzen Wiens runden das Bild, ehe sich ein neuer Höhepunkt ankündigt: Auf dem Stock am Eisen-Platz schwingt die Pummerin in ihrem Gerüst, ein altes Paar strahlt glücklich zu ihr hinauf und die Redaktion schreibt (noch immer auf den amerikanischen Schreibmaschinen und nur auf englisch):

When the Pummerin chimes in Austria's freedom regained...!
Press and radio announce: Austria has regained her freedom! Most solemnly, however, the news is proclaimed to the nation by the "Pummerin", the "Queen of Austria" as the hug bell is affectionately called by the Austrians.

Die Pummerin schlägt, Oesterreich hat die Freiheit erlangt....
Die Presse und das Radio kündigt an: Österreich hat seine Freiheit erlangt. Höchst feierlich aber wird die Botschaft an die Nation durch die „Pummerin“, die „Königin von Österreich“ verkündet, wie die riesige Glocke liebevoll von den Österreichern genannt wird.