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5. Kapitel Mehr Bilder Bildserien
Im Wiederaufbau
Am 7. Mai 1947 bewilligte der amerikanische Kongress ein Auslandshilfsprogramm in der Höhe von 350 Millionen Dollar, von denen Österreich rund 85 Millionen bekommen sollte. Am 5. Juni 1947 hielt der amerikanische Außenminister George Marshall seine berühmte Rede an der Harvard-Universität, die das Europäische Wiederaufbauprogramm einleiten sollte.
Anfang 1947 hatte sich in der amerikanischen Außenpolitik der Standpunkt gefestigt, dass Österreich ungeteilt als eigener Staat erhalten bleiben sollte. Eine massive Wirtschaftshilfe schien der geeignete Weg dazu. So kam Österreich als erstes Land in den Genuss großzügiger Hilfslieferungen: Lebensmittel, Medikamente, Saatgut, Kunstdünger, Textilien u.v.m. sollten unter Aufsicht amerikanischer Vertreter durch die österreichische Regierung zur Verteilung kommen. Österreich verpflichtete sich aber auch, den Amerikanern die Inspektionstätigkeit und die Berichterstattung zu ermöglichen, was in der Folge und mit wesentlicher Unterstützung der USIS-Bildsektion auch geschehen sollte.
Die politische Intention war klar und der amerikanische Hochkommissar Keyes hatte von Anfang an keinen Zweifel daran gelassen: die medial begleiteten Hilfsmassnahmen sollten Österreichs Westorientierung verstärken und für ein positives Amerikabild in Österreich sorgen. Dies gelang auch binnen kürzester Zeit: im Sommer 1947 waren 90 Prozent der Bevölkerung bereit, die Anstrengungen der Amerikaner auf dem Ernährungssektor anzuerkennen und 8 von 10 Personen setzten ihre Hoffnungen auf eine weitere Verstärkung der amerikanischen Hilfe und den Marshallplan.
Die Reaktionen der Sowjets blieben nicht aus. Manfried Rauchensteiner hat in seiner Studie „Der Sonderfall. Die Besatzung in Österreich 1945 bis 1955“ die Mechanik dieser Entwicklung vom Sommer 1946 bis zum Sommer 1947 beschrieben und auf den Punkt gebracht:

Die Sowjetunion beschlagnahmte mit dem Befehl Nr. 17 das Deutsche Eigentum in ihrer Zone. Die Westalliierten wollten darin eine Verletzung der Moskauer Deklaration sehen. Österreich verstaatlichte Teile seiner Grundstoffindustrien, was bedingt einen Verstoß gegen das 2. Kontrollabkommen darstellte. Dann lief das amerikanische Wirtschaftsprogramm an, und die Sowjets sahen darin eine Verletzung der Moskauer Deklaration. Gegen die USIA-Betriebe wurde ins Treffen geführt, dass sie der Kontrolle Österreichs entzogen waren, keine Steuern und Abgaben entrichteten, kurz Sonderrechte genossen. Gegen das amerikanische Hilfsprogramm wurde ins Treffen geführt, dass es auf eine totale Kontrolle der österreichischen Wirtschaft abziele, Sonderrechte schaffe und Österreich in eine direkte wirtschaftliche Abhängigkeit bringe, eine Abhängigkeit, die durch den in Aussicht genommenen Beitritt zum Marshall-Plan nur noch größer werden würde.
(Rauchensteiner: 1979: S. 209)

Angesichts dieser Ausgangslage, in der jede Aktion, aber auch jeder Text und jedes Bild zum Anlass einer neuen diplomatischen Auseinandersetzung werden kann, gewinnen auch noch die scheinbar harmlosesten Geschichten eine brisante politische Aussagekraft.
Betrachten wir also die Arbeiten der amerikanischen aber auch der österreichischen Bildreporter durch den Filter der Auseinandersetzung zwischen Ost und West, zwischen dem Ringen um die politische, ökonomische und auch ideologische Vorherrschaft in Österreich zwischen den Amerikanern und den Sowjets.
Die ersten Wiener Messen 1946 und 1947 bieten der Bevölkerung eine Gelegenheit, sich noch unerreichbare Dinge und Gegenstände des Alltags und für den Export bestimmte Luxusartikel anzusehen und von einem Wohlstand zu träumen, der wieder möglich scheint. Otto Croy fotografiert 1947 die Messebesucher auf dem Messegelände, die sich ihre Jausenrationen selbst mitgebracht haben. Die USIS-Bildreporter hatten in der Serie „Fortschritte im Wiederaufbau Österreichs“ aus dem Jahr 1946 die Arbeiten zum Wiederaufbau des Messepalastes, in dem die zweite Wiener Messe nach dem Krieg abgehalten wurde, dokumentiert. Erst mit der Währungsreform 1947 sollte die ökonomische Grundlage für eine Steigerung der Kaufkraft der österreichischen Bevölkerung gelegt werden. Die USIS-Bildredaktion dokumentiert zwar den ersten Tag des Geldumtauschs nach der Währungsreform am 11. Dezember 1947 mit einem Foto, das Menschenschlangen vor der Länderbankfiliale im 8. Wiener Bezirk zeigt, eine ausführliche Beschreibung ist jedoch nicht vorhanden.
Ereignisse und Aktionen, an denen die amerikanischen Besatzungsmacht beteiligt ist oder die von den Amerikanern organisierte und finanzierte Hilfsmassnahmen betreffen, werden dagegen von Anfang an genauestens dokumentiert und mit redaktionell gestalteten und kontrollierten Texten versehen. Die durchaus politische intendierten Texte, die an die Redaktionen der österreichischen aber auch der internationalen Zeitungen weitergegeben wurden, verfehlten ihre Wirkung nicht. In den frühen Bildserien des Jahres 1946 wird der Wiederaufbau der Infrastruktur in Österreich dokumentiert, wobei man sich in der Berichterstattung noch ganz auf den Einflussbereich der amerikanischen Besatzungsmacht beschränkt. Die amerikanische Unterstützung von Firmen, die sich mit der Herstellung von dringend benötigten Bedarfsartikeln wie Schuhe, Socken, Strümpfe und Haushaltsgeräte wird ebenso genau beschrieben wie die Wiedereinrichtung der Kommunikationsinfrastruktur. Der Bildtext zu einem Foto, das eine Arbeiterin und einen Arbeiter in einer Elektrokeramikfabrik in der amerikanischen besetzten Zone in Wien zeigt, lautet:

Mit Unterstuetzung der amerikanischen Behoerden, die Brennstoff und Transportmoeglichkeiten zur Verfuegung stellen, nehmen die oesterreichischen Fabriken die Produktion von Bedarfsartikeln wieder auf. Diese Fabrik fuer Elektrokeramik, in einem amerikanisch besetzten Bezirk Wiens, stellt Oefen, Heizkoerper und Buegeleisen u.s.w. her, die an Zivilisten verkauft werden. Die Elektrogeraete sind rationiert, doch hofft man die Bezugscheinpflicht bald aufheben zu koennen. Derzeit werden u.a. monatlich 5000 Kochplatten und 2000 Buegeleisen erzeugt und man hofft die Produktion im April zu steigern.

Bereits in den ersten redaktionell gestalteten Fotoserien wurde die Politik der Amerikaner unterstützt, lange bevor mit dem Marshallplan die Begleitung und Kontrolle der Medienberichterstattung auch auf politischer Ebene mit der österreichischen Regierung festgelegt wurde. Allerdings wurde mit der Verbreitung der amerikanischen Wirtschaftshilfe und dem systematischen Greifen des European Recovery Program (ERP), wie die offizielle Bezeichnung für den Marshallplan lautete, das Einzugsgebiet der USIS-Bildsektion auf alle drei „westlich“ orientierten Besatzungszonen ausgeweitet. Umfangreiche Bilddokumentationen aus Kärnten, Salzburg, Tirol und Vorarlberg gelangten ins Archiv. Flussregulierungen, Hochwasserschutzbauten, Modernisierung der Landwirtschaft, Drainagearbeiten, Straßenbauten und Unterstützungsmaßnahmen für den Fremdenverkehr und individuelle Hilfsmaßnahmen wurden ebenso fotografisch festgehalten und mit redaktionellen Bildtexten versehen, wie humorvoll gestaltete Beiträge über amerikanische Bildungsprogramme, lokale Feste und Alltagssituationen in den Bundesländern.
Ganz im Gegensatz zur diesen Bilddokumentationen steht freilich seit 1947 die Berichterstattung über die sowjetische Zone und die Politik der Sowjets in Österreich. Im USIS-Archiv gibt es einen umfangreichen Bestand, der von den Redakteuren liebevoll unter der Rubrik „Russians and Commies“ geführt wurde und den Aktivitäten der Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft, den Vorgängen an der Demarkationslinie, Berichten über Verschleppungen und allen Angelegenheiten der sowjetischen Besatzungsmacht gewidmet ist. Insbesondere die Berichte und Dokumentationen über die Informationspolitik und die Wirtschaftspolitik der Sowjets folgen der Logik des Kalten Krieges und nicht alle Fotografien sind für die Öffentlichkeit bestimmt.
Mit besonderer Schärfe wird die Auseinandersetzung um die in der sowjetischen Zone beschlagnahmten Wirtschaftsunternehmen, die Erdölraffinerien, die Donau-Dampfschiffahrts-Gesellschaft und die von den Sowjets als Reaktion auf den Marshall-Plan gegründeten USIA-Verkaufsläden geführt, in denen man billigst einkaufen konnte und die zumindest am Anfang einen hohen Zuspruch bei der Bevölkerung fanden.
Eine dieser Serien beginnt mit einem Bericht über die von den Sowjets als deutsches Eigentum beschlagnahmte Erdölproduktion in Zistersdorf, Neusiedl und Matzen.
Es folgen Berichte über die DDSG und die Geschichte über einen Arbeiter aus einer der 380 von der USIA betriebenen Fabriken, der zunächst aus Angst sein Gesicht vor der Kamera versteckt, ehe er zu erzählen beginnt: „Wir muessen andauernd einen Strom kommunistischer Propaganda ueber uns ergehen lassen und wir werden gezwungen, „freiwillige Spenden“ fuer die „Befreiung“ Suedkoreas von unseren mageren Loehnen zu leisten.“
Ganz besondere Aufmerksamkeit wird schließlich den USIA-Verkaufsläden gewidmet. Man fotografiert die Menschen beim Betreten der Läden, man fotografiert die Preistafeln und die Regale mit Salz, Zucker und Spirituosen, auf die es ein österreichisches Staatsmonopol gibt und verweist auf die Verluste, die dem österreichischen Staat dadurch entstehen, dass keine Umsatzsteuer abgeführt wird.
Der Kalte Krieg am Ladentisch wird gnadenlos geführt, bis 1955 der österreichische Fotograf Harry Weber die Auflösung und den Ausverkauf der letzten USIA-Läden als malerisches Inszenierung fotografiert.