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4. Kapitel Mehr Bilder Bildserien
Das geteilte Land
Am Morgen des 27. Juli 1955 drängen sich die Menschen auf den Gehsteigen und vor dem Gebäude des Alliierten Rates am Stalinplatz, der bald wieder Schwarzenbergplatz heißen wird. Tausende wollen an diesem Tag ein denkwürdiges Schauspiel miterleben: zum letzten Mal tagt der Alliierte Rat.
Die Häuser rund um den Platz sind mit Fahnen geschmückt, in den Fenstern sieht man Zuschauer und auf den Gehsteigen versuchen die Besatzungssoldaten die Neugierigen im Zaum zu halten. Die „Wiener Zeitung“ berichtet:

Gegen zehn Uhr war die Masse schon so gewaltig, daß hunderte Wachbeamte für die Aufrechterhaltung der Ordnung Sorge tragen mußten. Von Zeit versuchte die Menge die Kordons zu durchbrechen, was jedoch – wenn auch mit Mühe – immer wieder verhindert werden konnte.

Gegen 11 Uhr erklärt der französische Hochkommissar, Botschafter Seydoux de Clausonne im Sitzungssaal: „Ich beende die letzte Sitzung des Alliierten-Rates und erkläre, daß die Alliierten-Kommission für Österreich aufgehört hat, zu bestehen.“ Draußen auf dem Platz verfolgen die Schaulustigen das Eintreffen hoher Militärs aller Großmächte und ihrer Familienangehörigen, den Aufmarsch der französischen, sowjetischen, amerikanischen und britischen Militärmusikkapellen. Bundeskanzler Raab und Vizekanzler Schärf werden von den Hochkommissaren begrüßt und eingeladen, an der feierlichen Flaggeneinholung teilzunehmen. Unter den Klängen der Nationalhymnen werden die Fahnen eingeholt. Danach folgt die letzte Parade und der Abzug der militärischen Formationen. Besonderen Beifall erhält die amerikanische Kapelle: sie spielt den Radetzykmarsch. Damit ist die Österreichwerdung amtlich, die Besatzung Geschichte, Folklore und Erinnerung.
Die Besatzung als Fest und Schauspiel wird in Wien in den letzten Jahren vor dem Staatsvertrag zum Gaudium der Wiener und als Kuriosum für die internationalen Medien in einer monatlich sich wiederholenden Zeremonie praktiziert: dem „Changing of the Guards“, der allierten Wachablöse, die den monatlich wechselnden Vorsitz des Interalliierten Kommandos einleitet. Am 1. April 1953 interessiert sich der unter Yoichi Okamoto zum Cheffotografen aufgestiegene österreichische USIS-Bildreporter Gottfried („Jeff“) Rainer nicht nur für die Zeremonie, sondern mindestens ebenso sehr für die sowjetischen Besatzungssoldaten, die sich ihre Erinnerungsfotos selbst schießen und für zwei junge Damen, die die aufmarschierenden Soldaten (und darunter vielleicht ihre Männer) bei der Übergabe des Stadtkommandos vom französischen an das sowjetische Element fotografieren.
Ein besonderer Tag ist der 31. Dezember 1953. Die Fotos von der Übergabe vom sowjetischen an das amerikanische Element werden von der Redaktion am 4. Jänner 1954 zu einer Bildgeschichte ausgewertet, die durch ihren freundlichen Tonfall zu einer politischen Aussage wird:

CHANGE OVER
Wien – 4. Jaenner 1954.
Eine einzigartige Zeremonie in der heutigen Welt ist die „changing of the guards“ Zeremonie, wo die russischen Besatzungskraefte das Kommando ueber die Innere Stadt in Wien an die Amerikaner uebergeben. Das Ereignis markiert auch die Übergabe des Vorsitzes des Alliierten Rates an den US-Hochkommissar. In militaerischer Aufstellung marschieren die Truppen an den Seite an Seite stehenden Oberkommandierenden der zwei Nationen vorbei und den Hoehepunkt des Ereignisses bildet ein Handschlag zwischen den beiden Truppenkommandanten.
Während der Uebergabe, die am 31. Dezember 1953 gehalten wurde, sah man die Mitglieder der Russischen und der US-Besatzungsmaechte in höchst amikaler Weiser miteinander plaudern. Die besten Wünsche für ein Glueckliches Neues Jahr machten die Runde. Die Zuschauer stellten fest, dass eine solch freundliche Atmosphaere waehrend keiner der vorangegangenen Uebergaben vorgeherrscht hatte.
USIS STAFF PHOTO VIENNA (Maier) Gri-Ga

Tatsächlich markiert die Szene vor dem Wiener Heldenplatz eine Wende und die Abkehr von einer aggressiv geführten Auseinandersetzung mit den Sowjets, die von der Bildredaktion Anfang der 50er-Jahre geführt wird. Zur Vorbereitung auf den im Dezember 1952 stattfindenden Weltfriedenskongress wird im Archiv eine Bildserie angelegt, die von März bis Dezember 1952 die „Friedensaktivitäten“ der Sowjets und die sowjetische Informationspolitik beleuchtet. Man fotografiert das Titelblatt eines „Pamphletes“: „Ernst Fischer: Die Sowjetunion und der Friede“, man fotografiert die Kinder in den Strassen Wiens bei der Verteilung der Schrift und schreibt auf die Fotokuverts und die Archivkarte den Bildtext: „Die Sowjetunion und der Frieden“ ist eines der von Oesterreichs Top-Kommunisten verfassten roten Pamphlete, die kleine Kinder in den Strassen Wiens verteilen.“ Man spioniert in den sowjetischen Informationszentren, in denen Fotografieren verboten ist, man fotografiert die Schaufenster, die Informationsblätter und Zeitungen und schreibt auf die Fotokuverts und die Archivkarte:

Eine Menge kommunistischer Zeitungen und Zeitschriften setzten ihren Ehrgeiz darin, taeglich mindestens einen verbrecherischen Wallstreetagenten zu entlarven. Voll Zynismus nennt sich eines der vielen Blaetter die „Wahrheit“. Alle diese Zeitungen arbeiten eng mit der russischen Besatzungsmacht zusammen.

Man geht in die Wohnungen, fotografiert zwei alte Leute vor einem Radioapparat und schreibt eine Geschichte über die von den Sowjets kontrollierten RAVAG-Sendung „Die russische Stunde“. Man geht auf die Strasse und beobachtet und verfolgt die Kommunisten beim Sammeln von Unterschriften, beim Affichieren von Plakaten, man legt eine Archivkarte an mit einer gespenstischen Weihnachtsgeschichte. Mit Büroklammern ist der Kontaktabzug auf die Karte geheftet. Ein Mädchen und eine Frau blicken auf einen beleuchteten Weihnachtsbaum. Namenlos, gesichtslos, von hinten aufgenommen stehen sie im Dunkeln und darunter der Text:

9921/24
Die beiden feiern Weihnachten ohne den Vati; er ist nach Russland verschickt worden ..... als Eisenbahner, der durch ein Missgeschick den Tod eines russischen Soldaten verschuldet haben soll, hat man ihn vor ein sowjetisches Militaergericht gestellt und zu einer unverhaeltnismaessig hohen Freiheitsstrafe verurteilt. Ob er im naechsten Jahr wieder daheim sein wird?
X-mas without Daddy who has been sent to Russia.... As a railroadman who by an accident allegedly killed a Russian soldier he was brought before a Soviet military court and sentenced to excessively long imprisonment. Will he be back next year?
USIS STAFF PHOTO

Die Karte mit der USIS-Archivnummer 9924/21 beschreibt eine besondere Fotogeschichte: eine Geschichte ohne Original. Denn das Originalnegativ zum Kontaktabzug auf der Karte gibt es nicht, oder nicht mehr. Man hat es entfernt.
Wer ist man?
„George Smith“ ist überall da, wo es gefährlich ist. „George Smith“ ist dabei, wenn an der Zonengrenze Schnappschüsse gemacht werden, „George Smith“ ist am Semmering, an der Ennsbrücke, in Linz und im Burgenland. „George Smith“ ist der mit Bleistift eingetragen Name auf den USIS-Archivkarten und den Kuverts, die mit sowjetischen Angelegenheiten zu tun haben. Häufig steht mit rotem Stift der Vermerk „Killed“ auf den Kuverts. Dies bedeutet, dass die betreffenden Fotos nicht für die Veröffentlichung freigegeben wurden, nicht weiter bearbeitet und nicht betextet. Der Bestand ist sehr lückenhaft. Oft fehlen Originale zu ganzen Serien, oft gibt es nur leere Kuverts oder sind die Archivkarten nicht vorhanden. War auch hier „George Smith“ dabei? Es steht zu vermuten. Es steht zu vermuten, dass geheimdienstliches Material aus dem Bestand ausgesondert wurde.
Doch auch die verbliebenen Serien und Bilder, die von den Aktivitäten der Sowjets handeln, bieten konkrete Einblicke in die Medienarbeit der Amerikaner, die entscheidend das öffentliche Bild von den „Russen“ in Österreich prägte. Wie ein Schleier legt sich der US-amerikanische Wahrnehmungsfilter über die Bilder aus der Nachkriegszeit und bestimmt und leitet auch die Wahrnehmung anderer Bilder und Fotografien. Harry Webers Bildreportagen, Lothar Rübelts Auftragsarbeiten und Otto Croys Dokumentationen sind individuelle Zeugnisse des Lebens nach 1945: Strassenszenen mit den allgegenwärtigen Zeichen und handelnden Personen der Besatzungsmächte, der Alltag und das Leben der jungen Soldaten, die Freizeitvergnügungen und die ersten Kontakte, ihre Attraktivität und die neue Lust am Leben, gefährliche Augenblicke, Kontrollen, Hilfsmassnahmen und Unterstützung für die Bevölkerung.
Über all diesen Bildern schwebt seit 1947, seitdem die Amerikaner sich in ihrer Medienarbeit ganz bewusst darauf konzentrieren, der Gegensatz zwischen Ost und West.
Daran sollte sich nichts mehr ändern, bis die Vier im Jeep unter reger Beteiligung der Wiener zum letzen Mal ihre Fahrt durch Wien unternehmen:
Am 13. September 1955 schreibt die "Wiener Zeitung":

Morgen Mittwoch: Letzte Fahrt der „Vier im Jeep“
Die Räumung Österreichs von den alliierten Truppen geht mit Riesenschritten vor sich. Nunmehr ist auch der Tag gekommen, an dem zum letzten Male in der Bundeshauptstadt der mit den Fähnchen der vier Großmächte gezierte Polizeiwagen durch die Straßen fährt. Laut „Sozialistischer Korrespondenz“ wird morgen um 12 Uhr mittags der motorisierte Bereitschaftspatrouillendienst der alliierten Militärpolizei eingestellt werden. Damit ist das Ende der „Vier im Jeep“ gekommen, die seit zehn Jahren zum Gesamtbild des Wiener Verkehrs gehörten.