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3. Kapitel Mehr Bilder Bildserien
Neue Orientierung
Vor einer Trafik in Wien bildet sich im August 1945 eine Menschenschlange. Alt und Jung wartet auf die Auslieferung der Tageszeitung. Es ist kein ungewöhnliches Bild. Schlange stehen und anstellen gehört zu den typischen Alltagssituationen in den österreichischen Städten im Jahr 1945. In einem Bericht vom 4. Juni 1945 über die ersten Aktivitäten der US- Informationsdienste in Österreich, der heute in den National Archives in Washington verwahrt wird, ist vom Nachrichtenhunger der Österreicher in den ersten Monaten nach dem Kriegsende die Rede. In Zell am See verlassen 200 Leute, die sich vor der Ausgabestelle für Lebensmittelkarten angestellt haben, die Reihe, um Zeitungen zu kaufen. „Those people want news more, than they want food“ (“Diese Leute wollen Informationen mehr als sie Nahrung wollen”), schreibt der Pressoffizier James M. Minifie in seinem Bericht.
Am 30. Mai 1945 erscheint in Salzburg die erste US-Nachkriegszeitung für Österreich, der „Österreichische Kurier“. Nach drei Ausgaben wird dieses als Wochenzeitung konzipierte Nachrichtenmedium wieder eingestellt, das Papier wird für die seit 7. Juni erscheinenden „Salzburger Nachrichten“ benötigt. Kurz darauf erscheinen ebenfalls unter amerikanischer Kontrolle die „Oberösterreichischen Nachrichten“ und die „Tiroler Tageszeitung“, die ab 7. Juli entsprechend den Zonengrenzen in französische Kompetenz überging.
An den politischen Richtlinien und konkreten Vorgaben für den Aufbau und die Kontrolle der Informationsdienste in Österreich, wurde seit Jänner 1944 gearbeitet.
Der Oberbefehlshaber der Alliierten Expeditionsstreitkräfte, General Dwight D. Eisenhower, war im Jänner 1944 von mit der Planung der künftigen Militärorganisation in Österreich betraut worden. Vom Supreme Headquarters, Allied Expeditionary Forces (SHAEF) sollten in London in enger Kooperation mit dem von Italien aus operierenden Allied Forces Headquarters (AFHQ), die politischen Richtlinien ausarbeitet werden, da man zu diesem Zeitpunkt noch annahm, die italienischen Streitkräfte der Amerikaner würden als Erste nach Österreich gelangen.
Am 29. April 1945 lag eine umfangreiches Dokument vor, das als Grundlage für die Durchführung gelten konnte. Die provisorische Direktive für die Kontrolle der Informationsdienste in Österreich sah einen Dreiphasenplan für die Informationspolitik der Amerikaner vor. Zunächst sollten alle Medien in Österreich gesperrt werden. Danach sollte unter amerikanischer Führung eine gewisse Liberalisierung stattfinden und gleichzeitig nationalsozialistisch, faschistisch oder großdeutsch gesinnte Österreicher aus Positionen im Informationswesen entfernt werden. In einer dritten Phase sollten die Medien wieder in österreichische Hände übergeben werden, jedoch weiter von den Alliierten kontrolliert werden.
Die Aufgabe der Medien bestand anfänglich in erster Linie darin, die Militärs zu unterstützen: Verbreitung von Befehlen und Ankündigungen, Aufrechterhaltung von Recht und Gesetz, Bekämpfung von Gerüchten, die die militärische Sicherheit in Frage stellen. Politisch sollte angestrebt werden, den Nationalsozialismus und nationalsozialistisches Gedankengut vollständig auszumerzen und das Entstehen von politischen Gefühlen zu fördern, die der Errichtung eines freien und unabhängigen Österreich dienlich wären.
Die Einrichtung und die Arbeit der Bildsektion der US-Informationsdienste in Österreich ist ein Paradebeispiel für eine konkrete Umsetzung der militärischen und politischen Vorgaben, die mehr und mehr in zivile Hände übertragen wurde.
Die organisatorischen Anfänge der US Information Services Branch (ISB) führen nach Italien. Seit 14. Mai 1945 stand in Verona eine Einheit mit 95 Militärangehörigen und 20 Zivilisten bereit, um die US-Informationsdienste in Österreich aufzubauen. Ihr oberster Chef in Italien war Brigade-General Arthur J. McChrystal, der Kommandant der Information and Censorship Group (INC). Als politischen Berater hatte sich McChrystal den uns bereits bekannten und eingangs erwähnten James M. Minifie ausgesucht, der Auslandskorrespondent für die „Herald Tribune“ in Europa gewesen war, ehe er als Presseoffizier für die INC arbeitete. Als Administrator und zeitweise als Chief of Informational Services Branch - solange sie nämlich der INC unterstand - fungierte Oberstleutnant Robert V. Shinn.
Es sollte jedoch aufgrund ungeklärter Kompetenzverteilungen und Spannungen zwischen den in Italien stationierten Einheiten und den von London aus operierenden Einheiten der Amerikaner noch bis Ende Mai dauern, ehe die ISB-Leute von der Londoner Psychological Warfare Division und vom Kommando des XV. Armeecorps, das seit 4. Mai in Salzburg eingerückt war, die Erlaubnis erhielten, nach Österreich zu kommen.
Als es endlich so weit war, ging es Schlag auf Schlag. Am 27. Mai kam Oberstleutnant Robert V. Shinn nach Salzburg, am 29. Mai folgte das männliche Personal. Am 6. Juli 1945 übernimmt General Mark Clark, der zum United States High Commissioner für Österreich ernannt wird, das Kommando über die amerikanischen Streitkräfte in Österreich. Damit ging die Oberbefehl über die Information Services Branch auf die United States Forces in Austria (USFA) über. Mit der Umorganisation der US-Streitkräfte wird die ISB, die in der ersten Besatzungsphase das gesamte Medienwesen, Theater, Film, Opern, Konzerte, Bibliotheken Schulen, sogar Zirkusveranstaltungen, Jahrmärkte und Kirtage kontrollierte, der Civil Affairs Division des War Departments in Washington unterstellt. Ab 1947 gewinnt das Department of State zunehmend Einfluss auf die Entscheidungen, ehe im Oktober 1950 das Außenministerium die Leitung übernimmt.
An der Spitze der ISB stehen hohe Offiziere, denen Experten als Deputy Chiefs zugeteilt waren. Der wichtigste von ihnen war der Germanist Albert van Eerden, Professor an der Princton University, der von 1930 bis 1932 in München studiert hatte und seit 1944 in der Planung der US-Informationspolitik für Deutschland und auch für Österreich eine entscheidende Rolle spielte. Van Eerden formulierte im Frühjahr 1947 die neuen Ziele der amerikanischen Informationspolitik und der ISB in einer Rede an die amerikanischen Medienherausgeber und Verleger:
Heute ist die Aufgabe der Information Services Branch nicht so sehr die Kontrolle als vielmehr die Führung. Es kann festgestellt werden, dass sie die einzige, höchst effiziente Agentur, zur Verbreitung von Amerika der Demokratie, des amerikanischen Verständnisses der Demokratie, in Österreich ist. Im besten Sinne des Wortes kann sie als eine Propagandaagentur bezeichnet werden, wenn man unter Propaganda die Propagierung der positiven Vorstellung einer anständigen, toleranten und demokratischen Lebensweise versteht. Ihre weitreichende Aufgabe ist es, Österreich mit dem Leben, den Institutionen, den Menschen und den Traditionen der Vereinigten Staaten und den Idealen der Demokratie vertraut zu machen; Österreicher mit Materialien zu versorgen, die sie verwenden können für die Wiederherstellung seiner politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Unabhängigkeit und in seiner Entwicklung zu einem demokratischen Staat und einer demokratischen Gesellschaft; die kulturellen Beziehungen zwischen Österreich und den Vereinigten Staaten wiederherzustellen und zu verbessern.
1947 sind 62 Amerikaner und 675 Österreicher bei der ISB beschäftigt. Von Anfang an war es die Politik der Amerikaner, Österreicher auszubilden und in die einzelnen Redaktionen und Abteilungen zu integrieren.
Von 1948 bis 1954 leitet Yoichi R. Okamoto, ein Fotolehrer und Journalist, der 1942 bis 1944 an der Fotoschule der US-Army unterrichtete, die Bildsektion der US-Informationsdienste in Österreich, für die rund 40 österreichische Fotografen und Journalisten arbeiteten und im Handwerk der amerikanischen Fotoreportage ausgebildet wurden. Unter seiner Führung wird die USIS-Bildsektion zu einer professionell agierenden Agentur, die mit ihrer Redaktion und ihrem Archiv das Bildmaterial für alle ISB-Sektionen beschafft und verteilt.
Nur wenige, dafür aber umso bemerkenswertere Fotoserien aus den Anfangsjahren 1945 und 1946 sind erhalten geblieben. Zu den ersten systematischen Arbeiten der Wiener Redaktion, deren Anfänge sich bis zum August 1945 zurückverfolgen lassen, zählen Fotoserien über das Schuttwegräumen in Wien im Frühjahr und im Herbst 1946, die unter dem Titel „Wiederaufbau in Österreich“ und „Fortschritte im Wiederaufbau Österreichs“ geführt werden. Auf den Fotos sieht man die verschiedensten sozialen Schichten und Gruppen, die aus durchaus unterschiedlichen Gründen an den Aufräumungsarbeiten beteiligt sind: Schüler, die sich in einer Aktion am Beginn der Wiederaufbauarbeiten am Stephansdom beteiligen, Zivilgefangene und Mitglieder einer ehemaligen SS-Formation, die unter Aufsicht der Militärpolizisten arbeiten, Frauen und Männer, die durch die registrierte Arbeit den Anspruch auf Lebensmittelkarten erwerben.
Die Dokumentarcharakter der Fotos, die exakte Datierung und vor allem die durchaus politischen Bildtexte prägen sich dem Betrachter ein und bilden einen Gegenpol zu den stimmungsvollen künstlerischen Dokumentationen Otto Croys.
Auch in den Folgejahren geht die Arbeit der USIS-Bildreporter auf eine sehr direkte Weise konform mit der Politik der amerikanischen Besatzungsmacht in Österreich.
Als im Jänner 1947 die Ablöse General Clarks als Hochkommissar in Österreich spruchreif wird und sich Generalleutnant Geoffrey Keyes darauf vorbereitet, seine Aufgabe zu übernehmen, wird die Organisation amerikanischer Hilfslieferungen zu einem politischen Thema, verstärken sich die Spannungen mit den Sowjets. Die USIS-Bildreporter unterstützen die politische Inszenierung der ersten Hilfslieferungen von New York nach Österreich mit ihren Reportagen, die Redaktion in Wien verfasst Agenturtexte, die für ein positives Image der Amerikaner und ihrer Position sorgen. Die professionelle Medienarbeit soll aber nicht nur dazu dienen, in Österreich für eine amerikafreundliche Stimmung zu sorgen, sie wird auch direkt und gezielt eingesetzt, um in den USA für die Hilfslieferungen nach Österreich Propaganda zu machen. Bemerkenswert ist die Fotoserie „Hunger und Elend in Österreich“, die 1947/48 hergestellt wird, um das gerade einsetzende Hilfsprogramm von Mrs Keyes, der Ehefrau des Hochkommissars, die sich persönlich karitativ und politisch engagiert, medial zu unterstützen. Man fährt an die Vororte, in die „Slums“ von Wien und berichtet in Wort und Bild über das Nachkriegselend in Österreich. Die Bilder zeichnen die Armut so einprägsam, dass man sich augenblicklich an das Jahr 1945 erinnert fühlt, dessen Folgen noch immer spürbar sind. Und tatsächlich: um die Serie zu komplettieren, wurden auch zwei Archivfotos des Salzburger ISB-Stabes aus dem Jahr 1945, die Menschen beim Holzsammeln zeigen, verwendet und in die Serie integriert.
Die Botschaft ist klar: drei Jahre nach dem Krieg gibt es noch immer Hunger und Elend in Österreich, streift der kleine Peter Mandl aus der Lorystrasse 20 im 11. Wiener Bezirk durch die Straßen, um Zigarettenstummeln zu sammeln. Sein Vater ist ein zurückgekehrter Prisoner of War, ein Heimkehrer, der zur Zeit arbeitslos ist. „For File Record only“: Diese Information ist nur für das Archiv, steht unter dem englischen originalen Bildtext auf der Vorderseite des Negativkuverts, ehe auf der Rückseite die zur Publikation freigegebene Übersetzung folgt:

HUNGER UND ELEND IN OESTERREICH
Den 5-jaehrigen Peter Mandl kann man fast taeglich, trotz seines verwahrlosten Zustandes mit vergnuegter Miene in der Nachbarschaft herumstreifen sehen. Er ist staendig auf der Suche nach „Tschiks“ oder vielleicht einem Streifen Staniolpapier, und jeder Gegenstand, der ihm wertvoll zu sein scheint, wandert in die Blechbuechse, die ihn immer auf seinen Streifzuegen begleitet.
American ISB Staff Photo.