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2. Kapitel Mehr Bilder Bildserien
Im Krieg
Die Befreiung Österreichs vom Nationalsozialismus hat keinen Anfang und kein Ende.Mit schweren Luftangriffen der Alliierten beginnen die kalten, schneereichen Wintertage des Jahres 1945, mit fanatischen Durchhalteparolen der zu Reichsverteidigungskommissaren ernannten Gauleiter, die auch in den Stunden des völligen militärischen Zusammenbruchs noch ihre Tötungsbefehle gaben, enden die letzten Tage der nationalsozialistischen Machthaber.
Am 29. März 1945 überschreiten sowjetische Truppen der 3. Ukrainischen Front unter Marschall Fedor Tolbuchin die österreichische Grenze bei Klostermarienberg (Bezirk Oberpullendorf, Burgenland). Am 7. April beginnt die Schlacht um Wien, am 13. April ist der Kampf zu Ende. Am 27. April 1945 tritt im Wiener Rathaus mit Genehmigung der Sowjets die provisorische Staatsregierung unter Karl Renner zusammen und erlässt die Proklamation über die Selbstständigkeit Österreichs. Eine offizielle Anerkennung ist damit nicht verbunden. Die Regierung Renner wird von den Westalliierten zunächst nicht anerkannt. Der Westen Österreichs erlebt Ende April noch schwere Luftangriffe: Linz und Wels am 25 April, Villach am 26. April, Graz am 27. April. Beinahe auf den Tag genau einen Monat, nachdem die sowjetische Armee als Erste österreichisches Territorium überschritten hat, marschieren die Amerikaner in Tirol, Salzburg und Oberösterreich (28. April bis 6. Mai), die Franzosen in Vorarlberg (29. April) ein. Erst am 8. Mai treffen die Briten zusammen mit jugoslawischen Partisanenverbänden in Klagenfurt ein.
Mit dem Einmarsch der alliierten Armeen und der Besetzung des Landes bietet sich am 8. Mai 1945 und den darauffolgenden Tagen folgendes Bild: die Sowjets nehmen Wien, Niederösterreich, zwei Drittel der Steiermark und das Mühlviertel in Besitz, die Franzosen gelangen nach Vorarlberg und über den Arlberg bis Landeck in Tirol, die Briten stehen in Kärnten, in Osttirol, im äußersten Lungau und in der westlichen Steiermark, die Amerikaner besetzten das übrige Oberösterreich, Salzburg, Tirol und einen kleinen Teil der Steiermark.
Die Kampfhandlungen sind zu Ende, aber der Krieg und die Folgen des Nationalsozialismus bleiben allgegenwärtig: auf der Straße, in den Häusern, im täglichen Leben, in den Köpfen der Menschen.
Kaum eine andere historische Quelle vermag dies so eindringlich zu verdeutlichen wie die Fotografie. Ein anonymer Amateur hat auf einer Aufnahme, deren Original sich heute im Museum der Stadt Villach befindet, einen beklemmenden Augenblick festgehalten: es ist Tag, die hoch stehende Sonne wirft ihre Schatten auf die Straße, auf der noch vereinzelte Schneehaufen liegen. Im Bildvordergrund angeschnitten sieht man eine Person, die aus dem Bild Richtung Stadtzentrum läuft und einen Fahrradschatten. Es ist das äußere Ende des Hans-Gasser-Platzes in Villach, es ist ein Tag im späten Frühjahr 1945, es ist Bombenalarm. Im Bildhintergrund fliehen Menschen zu Fuß oder mit dem Fahrrad, teilweise mit Rucksäcken bepackt stadtauswärts gegen Westen.
Am 26. April 1945 erlebt die Eisenbahnerstadt Villach noch einen schweren Bombenangriff. An diesem Tag sind keine Toten mehr zu beklagen, 85 % der Häuser bereits zerstört oder beschädigt. Villach war der wichtigste Verkehrsknotenpunkt im Süden Österreichs, mit Bahnanlagen, die sich über das ganze Stadtgebiet zogen. Sie bildeten den Schwerpunkt der insgesamt 40 Bomber- und Tieffliegerangriffe, bei denen 272 Menschen getötet wurden.
In Wien herrscht bereits Ruhe um diese Zeit, zum Teil beklemmende Ruhe. Der Fotograf Otto Croy hat mit seinem Werk so etwas wie ein Stilleben der ersten Jahre nach dem Krieg geschaffen. Beinahe zeitlos, wie unmittelbare Ikonen des Kriegsendes in Wien wirken die Bilder: ein sowjetisches Aufklärungsflugzeug zwischen Stephansdom und Peterskirche, eine hagere Frau, die vorsichtig die Tür eines Luftschutzraums für Personen öffnet, ein zerstörtes Gebäude mit der noch aus Kriegszeiten stammenden Reklame „Thea Milch-Margarine schmeckt wie feinste Teebutter“ und der Parole: „Kein Volk der Erde hat heute mehr Grund als das deutsche, mit Vertrauen und fester Zuversicht in seine Zukunft zu schauen!“. In der Tat, sagt uns das Bild und sein Autor, die Realität sieht anders aus. Otto Croy dokumentiert diese Realität mit einer Kamera, die er in der ersten Zeit in einem Wassereimer unter einem leeren Erdäpfelsack versteckt, denn Kameras sind bei den Besatzungssoldaten sehr begehrt und Fotografieren ohne Erlaubnis nicht ungefährlich. Mit einer Blindenbinde und einer dunklen Sonnenbrille versehen, manchmal begleitet von seinem Sohn, streift der Fotograf 1945/46 durch den dritten und den zweiten Wiener Bezirk und hält sorgsam ausgewählte Motive fest: zerstörte Panzer, neben denen Kinder spielen, Berge voller Schutt, Frauen, die nach Heizmaterialien suchen und Abfall sammeln, Frauen, die auf der Straße waschen und kochen, Passanten, die zwischen Ruinen und mit Taschen und Säcken beladen über Notstege und schwer beschädigte Brücken gehen. Der Sohn, Peter Croy, erinnert sich an die Streifzüge, an die Schwierigkeiten bei der Besorgung von Filmmaterial, an die Entwicklung der Filme in einem ungeheizten Raum im kalten Winter 1945/46, als er den fotografischen Nachlass seines Vaters der Nationalbibliothek zur Archivierung übergibt.
Eine völlig andere Quelle stellt das umfangreiche Bildarchiv der Bildabteilung der US- Informationsdienste in Österreich (USIS) dar.
Etwa 10.000 Fotonegative und deren thematisch geordnete Dokumentation wurde 1977 noch in den originalen olivgrünen Stahlschränke der US Army von der amerikanischen Botschaft dem Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek übergeben. Die Pictorial Section der Information Services Branch (ISB), einer anfänglich unter militärischer Kontrolle stehenden Organisationseinheit, entwickelte sich mehr und mehr zu einer hochprofessionellen zivilen Institution, in der unter Aufsicht amerikanischer Presseoffiziere im Stile der amerikanischen Reportagefotografie über Österreich berichtet und ein umfangreiches Archiv aufgebaut wurde, das von österreichischen und internationalen Nachrichtenmedien genützt werden konnte.
Rund 40 österreichische Fotografen erhielten ihre Ausbildung und arbeiteten von 1945 bis 1955 für die United States Information Services (USIS). Ihre Aufgabe war es, die Fortschritte im Wiederaufbau Österreichs zu dokumentieren und mit ihren Bildberichten die wirtschaftlichen und sozialen Hilfsmaßnahmen der Amerikaner in Österreich zu begleiten und zu unterstützen. Ein durchaus politisches Unternehmen, das von Beginn an auf äußerst professionelle Weise realisiert wurde.
Am 4. Mai kamen die Amerikaner nach Salzburg. Mit einiger Verzögerung traf nach den Militärs Ende Mai das männliche Personal des seit 14. Mai in Verona einsatzbereiten ISB- Stabes in Salzburg ein. Die erste Arbeit der Amerikaner besteht in Informations- und Aufklärungsarbeit für die Bevölkerung.
Am 8. Juni 1945, auf den Tag genau einen Monat nach der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht, sehen Trauben von Menschen in der Auslage des Salzburger Fotohauses Max Mann am Alten Markt eine Bildtafel der Amerikaner mit den ersten Aufnahmen der nationalsozialistischen Konzentrationslager und Kriegsverbrechen. Die Beschriftung auf den Originalkuverts, in denen die Negative verwahrt wurden, sind noch spärlich, nur mit den wichtigsten Informationen versehen: „Front of Pictorial SEC – Salzburg. June 8, 1945. Staff Photo. F.D.” In der Folge wird eine professionelle Bildredaktion mit einem eigenen Archiv aufgebaut, werden die Bilder und Bildserien genauestens dokumentiert und auf Schreibmaschinen der US Army (die keine Umlaute haben) beschrieben. In eindrucksvollen Bildern und Bildserien wird gezeigt, wie sich von Mai bis September 1945 in Salzburg das Leben normalisiert: eine Schlange von Menschen, die sich zur Arbeit registrieren lassen, die Wiederaufnahme des Zugsverkehrs, die Aufräumarbeiten am Dom, die Wiedereröffnung des Hauptpostamtes.
Aber nicht für alle ist der Krieg 1945 zu Ende. Im Jänner 1949 steht das schwer bombenbeschädigte Salzburger Hotel Europe zum Abbruch bereit. Ein Salzburger Bildreporter schießt eine Fotoserie, die Wiener Redaktion verfasst den Text, der an die wechselvolle Geschichte des Hotels erinnert:

GRAND HOTEL DE L’EUROPE
Wien, 17. Jänner 1949

Heute baufällig, vom Krieg erschüttert und missbraucht von der Unbeständigkeit des Schicksals, war das Grand Hotel de l’Europe zu Beginn des Krieges eines von Salzburgs größten und modischsten Hotels.
Während der jährlichen Festspielsaison waren die prächtigen Zimmer belegt mit vornehmen Gästen aus allen Teilen der Welt, die Jahr für Jahr wiederkamen , bis die politischen Ereignisse der Jahre 1938-39 ein abruptes Ende der gesellschaftlichen Ära dieses Hotels bedeuteten, das so lange für seine Gastlichkeit berühmt war.
An ihre Stelle kamen die Jahre des totalen Krieges und das Hotel, das als Eigentum der Deutschen Wehrmacht beansprucht wurde, wurde Büroräumen der Deutschen Armee geopfert. Graue Uniformen ersetzten die elegant gekleideten Gäste und man hörte scharf gebellte militärische Befehle anstatt spritziger Unterhaltung und fröhlichem Gelächter.
In diesem Zustand verschmierter Eleganz und verdüsterten Glanzes wurde das Hotel Ziel von Bombenangriffen. Nach dem Ende des Krieges und nach der Flucht der „Befreier der Ostmark“ kam eine andere Gästehorde, die hungrig und zerlumpt das Hotel füllte und das geräumige Quartier überrannte. Ballast und Treibgut der Menschheit aus den Konzentrationslagern in Lumpen und Fetzen, Opfer des Zorns eines wahnsinnigen Diktators, suchten Zuflucht innerhalb der zerbrochenen Mauern bis sie in ihre Heimatländer zurückgeführt werden.
Aber das Hotel Europe wurde weiterbetrieben, konfrontiert mit neuen Bedürfnissen und Problemen, und nun, wiederum am Höhepunkt der Saison – einer ganz andere Saison – mit den Ärmsten der Armen. D.P’s verschiedenster Muttersprachen, jammernde Kinder, schmutzig und dünn bekleidet, finden hier ein vorübergehendes Zuhause unter dem Schutt und den zerbrochenen Mauern, und warten auf ein besseres Leben in einem anderen Land.
(englischer Text im Original).

Was 1949 bereits ein Relikt sein mag, ist über die Jahr 1945/46 alltägliche Realität: Österreich, das Flüchtlingslager Europas.
Die amerikanischen Bildreporter dokumentieren alle Arten von Flüchtlingen und Displaced Persons, „versetzte“ Personen, Menschen, die heimatlos geworden sind. Eine Gruppe von 1000 jüdischen Flüchtlingen wird im September 1945 vom American Joint Distribution Committee mit Rationen versorgt, ehe sie in neue Quartiere in der Nähe von München gebracht werden. Im August 1945 zieht, begleitet von sowjetischen Soldaten, ein endlos scheinender Zug von 6000 Ungarn von Mauthausen, das zu einem Flüchtlingslager umgewandelt worden ist, Richtung Budapest. 30.000 ungarische Juden waren im März 1945 vom Südostwall auf die Todesmärsche Richtung Mauthausen geschickt worden. Ein ganz kleiner Teil kehrt nun zurück.
Das Rothschild-Spital in Wien dient seit Juli 1945 ebenfalls als Durchgangslager. Etwa 70.000 Personen werden hier bis zum September versorgt, die meisten von ihnen kommen aus Osteuropa. Eine Bildgeschichte, datiert mit 6. September 1946, berichtet darüber.
So stehen die ersten großen Bildgeschichten der USIS-Bildreporter noch ganz unter dem Eindruck des Krieges und der Spätfolgen der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft. Vor allem in den Bildtexten, die in der ersten Zeit noch vom amerikanischen Stab auf englisch verfasst werden, wird dies deutlich. Man ist noch vorsichtig freundlich gegenüber den Sowjets, die Verbrechen und die verheerenden Folgen des Nationalsozialismus werden thematisiert.
Mit den Jahren sollte sich die politische Ausrichtung ändern. Ab 1947 nehmen die kritischen Berichte gegenüber den Sowjets zu, fließt die Sprache des Kalten Krieges in die Bildtexte ein. Eines aber bleibt: der personalisierte Stil der amerikanischen Fotoreportage, die anhand des Schicksal von Einzelpersonen historische Ereignisse zu emotional bewegenden Augenblicken werden lässt.