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1. Kapitel Mehr Bilder
Zur Sammlung
Die Porträtsammlung Kaiser Franz I. entstand im Kern in der Zeit der napoleonischen Kriege und des Vormärz. Es ist eine Phase des beschleunigten Übergangs von der alten Ständeordnung zur modernen, bürgerlichen Gesellschaft, geprägt von politischen und sozialen Umwälzungen. Franz I. gilt als konservativer Monarch, der gleichzeitig ein „bürgerliches“ Privatleben kultiviert. Während Kanzler Metternich die politischen Angelegenheiten regelte, konnte Franz sich seinen Privatvergnügen widmen, dem Botanisieren und Gärtnern sowie dem Sammeln von Büchern und Stichen. Diese vor allem von der älteren Literatur verbreitete Charakterisierung des Kaisers prägt auch heute noch das Bild von Franz I. Doch neben seiner Bibliothek läßt die von ihm angelegte Sammlung von Porträts eine vielschichtigere Persönlichkeit erkennen, an der die besonderen sozialen und politischen Zustände dieser Epoche nicht spurlos vorbeigegangen sein können.

Die unsicheren Verhältnisse zur Zeit des Überganges von der feudalen zur bürgerlichen Gesellschaft zeigen sich in der besonderen Systematik der Sammlung. Auf der einen Seite findet man einen Bestand der unter der Bezeichnung „Genealogie“ zusammengestellt wurde und im Wesentlichen Regenten und den Adel Europas umfasst. Auf der anderen Seite ist der Großteil der Bestände unter dem Begriff „Stände“ aufgestellt, in dessen Rahmen versucht wird eine Ordnung anhand von Berufen und Ämtern abzubilden. Während erstere einem kompliziertem genealogischen System folgen sind die Stände einfach alphabetisch geordnet. Diese Kategorisierung und Ordnung der Porträtsammlung geht im Wesentlichen auf Kaiser Franz I. selbst zurück.

Im Kern ist die in der Porträtsammlung angewandte Systematik noch an der vormodernen, feudalen Ständeordnung orientiert, die vor allem hierarchischen und berufsständischen Prinzipien folgt. Vorbilder dafür findet man in Porträtwerken wie den Annales Ferdinandei (um 1656 entstanden), die einem hierarchischen Schema dieser Art folgen. Inhaltlich und im Aufbau vergleichbar ist die Sammlung der Wittelsbacher in München, für die Kurfürst Maximilian I. im 17. Jahrhundert den Grundstein gelegt hat. Ursprünglich beruhte diese im Kern noch auf der im Barock vorherrschenden Vorstellung einer allumfassenden Weltordnung, einer theologisch begründeten universellen Ordnungsvorstellung, die in der Scholastik des Mittelalters ihren Ursprung hat. Diesem Prinzip folgend wurde versucht in den Kunstsammlungen diese Systematik widerspiegeln zu lassen. In diesem Rahmen war jedoch das Porträt nur Teil eines größeren Ganzen. Eingeordnet in allegorische und topographische Druckgrafiken mit solchen zu Flora und Fauna sollte eine fürstliche Kunstsammlung in der Art eines „Theatrum Mundi“ zu einem universellen Panorama der Seinsordnung gestaltet werden. Die Sammlung Kaiser Franz I. zeigt ansatzweise noch diesen Gedanken, allerdings reduziert auf den politischen bzw. sozialen Bereich.

In Bezug auf das Sammelinteresse Kaiser Franz I. hat die physiognomische Lehre Johann Caspar Lavaters wesentliche Impulse gegeben. So kann man die Sammlung als einen Versuch interpretieren, der durch die Aufklärung und die französische Revolution entstandenen sozialen und moralischen Unübersichtlichkeit - nach dem Empfinden der alten, feudalen Eliten - entgegenzuwirken. Doch besitzen wir zu den eigentlichen Beweggründen des Kaisers, die seine umfassende Sammeltätigkeit auf dem Gebiet der Porträtgrafik erklären könnten, kaum direkte Hinweise. Auch hat sich die Sammlung nach dem Tod des Kaisers 1835 verschiedentlich verändert. Als Teil des von Franz I. errichteten Fideikommisses ist sie in die Hände von Erben gefallen, Ferdinand und Franz Josef, die am Sammeln von Porträtgraphik weniger interessiert waren. Mit der Übernahme durch die Republik Deutsch-Österreich 1918 sind wiederum andere Sammlungsinteressen wirksam geworden. Trotz vielfacher Eingriffe in die Sammlung spiegelt sie im Kern, mit ihrer genealogischen Abteilung und der nach „Ständen“ geordneten Abteilung, noch heute jene Ordnung wieder, die ihr von Kaiser Franz I. gegeben wurde.

Die unter dem Begriff „Genealogie“ zusammengefassten Bestände (81 historische Kategorien mit 6389 Personen und 47.740 Bildnisse) umfassen im Wesentlichen die Bildnisse der Habsburger und der europäischen Dynastien bzw. Adel, eingeordnet in eine Hierarchie der Regenten aller Länder und Zeiten. Nicht zu vermeiden sind dabei Überschneidungen mit den nach Ämtern und Berufen geordneten „Ständen“ (73 historische Kategorien mit 27792 Personen und 95.685 Bildnisse), da Regenten und Adelige als Ausübende von Ämtern und Funktionen (z.B. Feldherren, Minister ...) auch in dieser Systematik vorkommen. Aus sozialgeschichtlicher Perspektive lassen sich die unter dem Begriff „Stände“ gesammelten Druckgraphiken im Wesentlichen in fünf große Gruppen, neben den „Regenten“, untergliedern: Amtsträger, Geistliche, Gelehrte, Künstler, Militär. Die diesen fünf Berufsfeldern zugrundeliegende alphabetische Reihung der 73 historischen Standesbezeichnungen, die wohl großteils auf Franz I. selbst zurückgehen, ist übernational. So spiegelt diese Kategorisierung einerseits das ständische Denken der Zeit, bzw. des Wiener Hofes dieser Epoche wieder, andererseits dürfte, den Schwerpunkten der Sammlung entsprechend, von den Betreuern der Sammlung die eine oder andere Kategorie aus pragmatischen Gründen eingefügt oder entfernt worden sein. Innerhalb dieser Kategorien wurde so vorgegangen, daß eine Person, die mehreren Ständen zugeordnet werden konnte, mit zumindest einem Porträt jeweils dort auch vorhanden ist. So findet man Alexander von Humboldt unter den Botanikern (mit 71 Bilder) und Adeligen (mit 2 Bilder). Um diese Mehrgleisigkeit zu reduzieren wurde 1949-2000 aus den „Ständen“, ein Bestand von 15708 Personen und 35711 Bildnissen „herausgezogen“ und in Portefeuilles zusammengelegt, wobei sich unter diesen viele prominente Persönlichkeiten wie Mozart, Goethe, Kepler usw. befinden.